Mit dem Leihrad durch Hamburg

Wer Tourist in einer fremden Stadt ist bemerkt spätestens, dass er an einer Attraktion ist, wenn Scharen von Urlaubsreisenden bewaffnet mit Kameras sich dort tummeln. Als fremder Mensch in einer Stadt, die man erkunden möchte, nicht das Falsche vorgehen. Die Sehenswürdigkeiten spiegeln die Geschichte einer Stadt in Kürze wider. Mit viel Glück vertiefen Museen in der Nähe die gewonnenen Eindrücke. Meine Erfahrung zeigt, dass es neben dem Mainstream Sightseeing alternative Formen der Erkundung gibt. Radfahrer haben die Möglichkeit sich schier unendlich frei bewegen zu können. Sie sind nicht auf die Busse angewiesen, die einen im Eiltempo von einer Sehenswürdigkeit an die nächste befördern. Wenn Glück im Spiel ist, findet man eine Person, die ähnliche Interessen verfolgt und sich die Zeit nimmt, einem die Stadt zu zeigen. Diesen Glücksfall hatte ich. Ich fand eine super Begleiterin, die mir Hamburg an zwei Tagen auf dem Rad auf eine andere Art und Weise näher brachte. Entspannt auf dem Rad.

Mein Leihrad für einen Tag.
Mein Leihrad für einen Tag.

Nicht jeder Tourist nimmt das eigene Fahrrad mit in den Urlaub. Was auf den ersten Blick nach einem Hindernis aussieht, ist in der Regel keines. Der Tourismus in Deutschland geht auf die Bedürfnisse ein und deswegen gibt es in jeder größeren Stadt oder Orten Fahrradverleihe. Meine Wahl fiel auf das System der DB-Rent. Das StadtRad in Hamburg betreibt ein dichtes Netz an Stationen, wo ein Rad geliehen werden kann. Zumindest zentrumsnah. Die ersten 30 Minuten kosten nichts. Abhängig vom Tarif kostet jede weitere Minute zwischen sechs und acht Cent. Da ich nicht zu ausführlich auf das Entleihen eingehen möchte, empfehle ich Interessierten einen Besuch auf der Seite des Stadtrad Hamburg. Die Homepage erläutert den Leihvorgang auf hervorragende Weise.

Meine Begleiterin und ich starteten unsere Rundfahrt durch Hamburg am S-Bahnhof Barmbek. Direkt im Bahnhofsumfeld liegt das Museum der Arbeit. Zum Zeitpunkt meines Besuchs lief eine Ausstellung, die jeden Fahrradfahrer ansprechen sollte. Die Ausstellung besteht aus Exponaten aller Epochen der Fahrradgeschichte. Vom Laufrad über das Hochrad hin zum ersten Versuch eines Elektrorades. Tandems aus alter Zeit oder die ersten Lastenräder lassen sich bestaunen. Wem es beim Anblick der grandiosen Fahrräder nicht in Ruhe lässt und sofort starten möchte, der konnte auf dem Mountainbikesimulator seinem Tatendrang nachkommen. Fachkundiges Museumspersonal stand zur Seite und geführte Führungen runden das Angebot ab. Der Preis von 7,50 Euro ohne Ermäßigung schien mir erst hoch, doch aufgrund der Fülle der Räder und des Personals vertretbar. Manche Räder stammen aus anderen Sammlungen und müssen transportiert werden usw.

Nach knapp 1,5km Fahrt wird der Stadtpark erreicht. An schönen sonnigen Tagen und am Wochenende ist dieser stark frequentiert. Gegenseitige Rücksichtsnahme gepaart mit leichten Routenänderungen lassen die Ausfahrt durch die grüne Oase stressfrei verlaufen. Vorbeigleitend an den Sonnenanbetern auf den Wiesen ist nach kurzer Zeit eine weitere Sehenswürdigkeit in Hamburg erreicht: Das Planetarium. Es befindet sich im Stadtteil Winterhude. Die Programme und Veranstaltungen besuchen jährlich rund 300.000 Besucher. Ein Abstecher auf die Aussichtsplattform lohnt in jedem Falle. Der Ausblick auf den Park und das umliegende Land ist aus 42 Metern grandios.

Wäre ein kurzes Stück nicht entlang einer Bundesstraße, man würde vergessen, dass man durch eine Großstadt radelt. Eine grüne Oase schließt an die nächste. Der schmale Weg, den Radfahrer und Wanderer teilen, führt an der Alster lang. Hier tritt das Problem auf, dass an sonnigen Tagen oder einem Wochenende viel Verkehr ist. Damit die Eindrücke wirken, ist es ohnehin

Die Sonne über der Alster. Vom Rad absteigen und genießen.
Die Sonne über der Alster. Vom Rad absteigen und genießen.

empfehlenswert, die Geschwindigkeit niedrig zu halten. Fährt man den Alsterlauf weiter, wird der Eppendorfer Mühlenteich passiert. Der Teich ist besser bekannt als das Winterquartier der Alsterschwäne. In einem umzäunten Bereich können die Schwäne ohne zu frieren überwintern. Eine Umwälzpumpe sorgt dafür, dass das Wasser den Winter über eisfrei bleibt. Natürlich nutzen diesen Service auch andere Vogelarten.

Der Weg führte uns weiter entlang der romantischen Stimmung der Tapenbek. Und zwar an einer Abzäunung, die den Flughafen Hamburg umgibt. Für Planespotter und Flugzeuginteressierte eine willkommene Abwechslung zur Aussichtsplattform. Schlängelt man weiter am Zaun in Richtung Stadt, begleiten einen Schrebergärten und extrem schmale Wege. Das Balancieren auf dem Rad lohnt. Der Weg manövriert vorbei am Lufthansa-Hangar für VIP- und Regierungsmaschinen. Mit viel Glück steht ein Flugzeug dort und wartet abgelichtet zu werden. In diesem Fall war es die »Bundesrepublik Deutschland 16+02«. Das Flugzeug war vor dem Umbau zum VIP-Flieger in der Flotte der Lufthansa unter dem Namen Gummersbach unterwegs.

Ab diesem Punkt orientierte sich die Fahrt an den Wegweisern des Radwegenetzes. Wir entschieden uns für einen Abstecher zum Friedhof Ohlsdorf. Verzwickt ist die Routenführung allemal, es war auf Anhieb in keiner Weise klar, ob der Weg über die Wege der Kleingärten der Richtige ist. Versuch macht klug. Getreu dem Motto wurde dem Gefühl gefolgt. Entlang der Alster ging es zur Haupteinfahrt des Friedhofes. Der Ohlsdorfer Friedhof ist auf den ersten Blick imposant. Nicht zu unrecht der größte Parkfriedhof

Wegweiser zur Grabstätte von Hans Albers. Die wohl bekannteste Grabstätte.
Wegweiser zur Grabstätte von Hans Albers. Die wohl bekannteste Grabstätte.
der Welt. Obgleich es eine Stätte der Ruhe sein soll, fahren unzählige Autos über die Straßen sowie Busse der HVV mit eigenen Haltestellen auf dem Gelände. Eine Vielzahl berühmter und wichtiger Personen der Hansestadt liegen dort begraben. Die bekannteste Grabstätte ist die von Hans Albers. Wer in die Materie eingehen möchte und es interessant findet, welche bekannten Personen dort beerdigt sind, dem sei die App »Wo sie ruhen« ans Herz gelegt.

Wer das eigene Rad dabei hat, kann die Runde beenden und mit der Bahn ab Ohlsdorf weiterfahren. Mit dem Stadtrad heißt es eine passende Rückgabemöglichkeit suchen. Die zum Zeitpunkt des Verfassens nächstgelegene ist an der S-Bahn-Station Barmbek. Hungrig und ausgekühlt blieb nur eine Chance: Das Gesehene musste bei einem tollen Gespräch und leckerem Essen verdaut werden. Ein schöner Tag mit einer wunderbaren Begleitung neigte sich dem Ende. So macht Sightseeing Spaß.

P.S. Der Gesamthöhenanstieg und die 300 KM/H stimmen natürlich nicht. Das Telefon war in der Brusttasche der Jacke versteckt.

Distanz: 30.05 km
Maximale Höhe: 72 m
Minimale Höhe: 12 m
Gesamtanstieg: 1528 m
Gesamtabstieg: -1528 m
Durchschnittsgeschwindigkeit: 12.32 km/h
Total Time: 04:54:10

One Response to “Mit dem Leihrad durch Hamburg”

  1. Daniel

    Moin Moin aus Hamburg,

    die Stadträder in Hamburg sind wirklich genial. Gerade für einen kurzen Trip von A nach B sehr gut geeignet. Wer etwas Geld sparen möchte, der tauscht einfach nach 30min das Rad. Die freien 30min gibt es dann mit dem „neuen“ Rad erneut.

    Wer länger unterwegs ist, wie ihr zum Bespiel kann sich in der nähe vom Dammtorbahnhof kurzfristig ein Rad leihen.

    Gruß Daniel

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